Ringo`s Geschichte

Ringo war ein Doppelmerle, eine sogenannte Qualzucht aus einer gefleckt & gefleckt Verpaarung. Wir haben damals nicht gewußt das es sowas gibt und auch heute lerne ich jeden Tag Menschen kennen, die nichts darüber wissen. Doppelmerle gibt es nicht nur bei den Doggen, sondern auch vielen anderen Rassen.

Die ganze, unendlich traurige Wahrheit über die angeblichen Züchter und wie Ringo aufgewachsen ist habe ich erst durch Zufall erfahren, durch die Züchterin von unserem jetzigen Raven.

Wir haben ihn damals bei denen mit seiner Schwester in der Küche präsentiert bekommen und uns war alles egal, wir wollten ihn nur noch da weg holen. Seine Schwester sah ganz normal aus….zumindest „tragbar“ war der Zustand.

Wir haben schnell gemerkt das mit ihm was nicht stimmt. Er hat fast nichts gehört und die Pupille von seinem linken Auge war nicht in Ordnung. Er hat, so glaub ich, auch nicht gut damit gesehen und war sehr lichtempfindlich.

Er war trotzdem ein lustiges, lebensfrohes Kerlchen und er hatte eine Seele, so groß und unbeschreiblich. Ringo hat alle Tiere sehr, geliebt vor fremden Menschen hatte er unsagbare Angst.

Wir konnten ihn keine Sekunde alleine lassen. Er war panisch wenn er niemanden mehr gesehen hat. Wir haben also alle unser Leben so gestaltet, dass er nie alleine sein musste. Er ist super gerne Auto gefahren und er war überall dabei.

Mit etwa 10 Monaten haben dann die Probleme begonnen. Ringo war unsere dritte Dogge und natürlich wussten wir was für sensible Hunde das sind. Bei Ringo jedoch wurde uns ganz schnell klar, dass ein „normales schimpfen“ schon ausreichte um ihn in eine totale Fassungslosigkeit zu bringen.

Er war durch das schlechte Gehör sehr auf die Hände fixiert. Ich glaube er war schon fast ein halbes Jahr, als er mir zum ersten mal ins Gesicht geschaut hat. Mit den Monaten wurde sein Gehör immer besser und gewisse Dinge hat er wahrgenommen. Je tiefer die Töne, desto weniger hat er reagiert.

Wir haben trotzdem ganz normal mit ihm gesprochen und ihn gerufen. Meist hat er es aber nicht mitbekommen. Wir mussten sehr aufpassen wenn wir von hinten kamen, denn da ist er sofort erschrocken. Jede Berührung musste man vorher „überdenken“, denn so wie man mit gesunden Hunden umgeht, das war einfach nicht möglich.

Sein ganzes Leben lang haben wir ihn mit Samthandschuhen angefasst. Wenn er was gemacht hat, was er nicht sollte, wurde er vorsichtig weg geschoben und mit einem „Nein“ der Zeigefinger gehoben.

Er hat für sein Leben gern Handtücher geklaut und geschrottet. Ich hab aufgehört zu zählen, so viele waren es. Diesen extremen Drang nach kuschligen, weichen Sachen hab ich vorher nie erlebt. Auch Decken, vor allem zugedeckt sein das war so wichtig für ihn. Es war, als lege man eine Schutzhülle um ihn. Ich glaube, es lag daran das er in diesem Drecksloch groß geworden ist und sehr gefroren hat. Ich sehe ihn heute noch zitternd am Boden liegen in dieser kalten Küche ohne Heizung.

Ich war oft mit ihm beim TA wegen seiner Würmer, die hartnäckig über Monate da waren, seinem extrem schlechten Ernährungszustand und eben immer wieder wiegen. Wir haben nichts mit ihm gemacht, er war einfach nur dabei und hat Leckerlis bekommen. Er saß immer, wirklich immer auf der Waage. Sobald der TA ihn mit der Fingerspitze berührt hat, hat er geschlottert und angefangen Pipi zu machen, solange bis die Hand wieder weg war. Mein TA ist ein wundervoller Arzt und kennt die Problematik der Doppelmerle. Trotzdem hat Ringo Todesangst ausgestanden und gepieselt…..literweise, ja nach Länge der Berührung.

Ringo konnte absolut nicht alleine bleiben. Für ihn war es schon ein Drama wenn ich kurz den Müll raus gebracht habe. Die ersten Monate habe ich mit ihm im Wohnzimmer geschlafen, dann war er bei meinem Sohn oben in dessen Zimmer. Mein Sohn hat Ringo immer einen großen Halt gegeben, von der ersten Sekunde war ein enges Band um die beiden gelegt. Er war auch der einzige, der Ringo in seinen Angst-und Panikphasen einigermaßen händeln konnte.

Den ersten „Zwischenfall“ hatten wir als Ringo ca. 10 Monate war. Er hat im Garten getobt und hat sich den vorderen Fuß vertreten. Ohne ihn zu betütteln hab ich mir das Bein angesehen, ob was Schlimmeres passiert ist. Wie man es eben macht bei „gesunden Hunden“.

Ich sah dann in sein Gesicht…da war die blanke Angst….er hat mich angesehen, als würde er mich nicht kennen, ist wie ein getriebener ins Haus, ins Wohnzimmer in die hinterste Ecke, hat gezittert wie Espenlaub. Für mich ist eine Welt zusammen gebrochen. Es tut unendlich weh, das der Hund den Du liebst, da sitzt und panische Angst vor Dir hat.

Ich hab ihn dann erstmal gelassen, mein Sohn hat sich zu ihm gesetzt und langsam wurde er ruhiger. Wenn ich kam, ging Ringo in einen anderen Raum, oder er verharrte steif wie ein Stein, als würde er drauf warten das ich ihm gleich was antue. Niemand kann sich vorstellen wie einen sowas zerreißt. Über Wochen habe ich dann mit Leckerlis und Ignorieren ganz langsam wieder sein Vertrauen gewonnen.

Im Laufe der Zeit passierten „Kleinigkeiten“ und uns wurde klar, das Ringo verknüpfte. Einmal ist er beim rein gehen mit meinem Sohn am Türrahmen hängen geblieben, also wirklich nichts schlimmes, und niemand war daran Schuld. Er ist zwar ganz normal raus gegangen aber nicht mehr rein. Er saß draußen und hat gezittert….die böse Haustür hatte ihm was getan. Ich habe es dann mit Halsband und Leine versucht, weil die Leine für ihn immer eine große Sicherheit war. Mit mir ist er rein, mit meinem Sohn über Wochen nicht.

Eines Abends, als die beiden ins Bett sind ist Ringo oben an der Treppe gestolpert, auch nichts Schlimmes, nichts passiert. Auf der Treppe war Teppich also auch nicht hart. Er ist über Wochen mit meinem Sohn da nicht mehr hoch. Am Tag ja aber nicht abends, denn abends hat die Treppe ihm was getan. Auch hier ist er dann irgendwann mit mir und Leckerlis wieder rauf, irgendwann dann auch wieder mit meinem Sohn.

Egal wer oder was gerade in der Nähe war, wurde mit dem „Passierten“ verknüpft. Egal was wir gemacht haben, die ständige Angst das BITTE nichts passiert war dabei. Wenn er draußen tobte, im Garten spielte, ganz egal….wir hatten ständig Angst.

Leider hatte er diese Panikattacken auch ohne das was passierte. Von einer Sekunde auf die andere, niemand weiß warum, bis heute nicht, stand diese Panik in seinem Gesicht. Da war sie wieder, diese Angst…“ich kenne Euch nicht, wer seid ihr“….ihr seid böse….Niemand, der sowas mal erlebt hat weiß wie schlimm das ist. Wir alle haben Ringo so sehr geliebt und mit jeder Attacke wurde es schlimmer. Er schien wirklich zu vergessen wer wir sind, hat dann auch wieder mit Sachen angefangen, die wir längst durch hatten, z.B. betteln am Tisch wenn wir gegessen haben. Mit jedem Mal wurde es schlimmer und wir mussten immer wieder von vorne anfangen.

All die Probleme die Ringo hatte, haben uns (vor allem mich) sehr viel Kraft gekostet. Jedoch habe ich umso mehr die Zeit mit Ringo genossen, in der es ihm gut ging. Er war so voller Liebe in dieser Zeit, wir haben lange Spaziergänge gemacht und er hat „das Gute“ aufgesogen. Wir waren eins.  Er hat die Nähe genossen und war ein unglaublich lustiger Schatz. Ich habe diese Zeiträume immer fest im Herzen gehalten um die schlimmen Phasen durchzustehen und Ringo Kraft zu geben.

Ringo fing irgendwann  an mit der Zunge zu schlabbern oder hat an den Vorderbeinen geschleckt. Im Schlaf  hat er ganz schrecklich  mit den Zähnen geknirscht. Er hat für sein Leben gern Kauknochen gefressen aber irgendwann fing er an sie nur noch mit den Vorderzähnen zu beknabbern und dann hat er sie ganz liegen lassen.

Da mein TA, mit dem ich übrigens immer in Kontakt war und er immer über Ringo`s Zustände wusste, auch auf Zähne spezialisiert ist fuhr ich mit Ringo hin. Er konnte nichts erkennen und wir beschlossen Ringo in Narkose zu legen, zu röntgen und sein Gebiß zu untersuchen. Der Befund war Zähne in Ordnung, Tumor (ein sogenanntes Granulom) am Gaumen oben und zwar ganz hinten.

Wir haben beschlossen es entfernen zu lassen. Ringo ging es danach wieder besser, die Wunde heilte schön und schnell. Er hat auch wieder Knochen gegessen und ich war so glücklich.

Es dauerte keine zwei Monate und es fing wieder an. Diesmal muss es ihm große Schmerzen bereitet haben, was dann auch Auslöser für die letzte und allerschlimmste Angstattacke war. Der TA hat mir erklärt, man könne sich den Schmerz von einer großen Brandblase vorstellen, in etwa.

Es war ein ganz normaler Tag und ich war mit Ringo im Garten. Er hat gespielt und irgendwann  kniete ich mich hin, streckte ihm ein Leckerli entgegen und aus war`s… Diese Augen…unbeschreiblich, als hätte er ein Monster vor sich. Er ist in die unterste Ecke vom Garten gerannt und hat geschlottert. Nicht einmal mein Sohn konnte ihn dazu bewegen mit ins Haus zu gehen. Als ich mich wieder beruhigt hatte, fing ich an zu überlegen welche Verknüpfung wieder passiert ist. „Mensch – Hand – Leckerli“ – Schmerzen beim fressen – „Mensch, Hand, Leckerli“ – böse.

Er hat übrigens bis zum letzten Tag von niemandem mehr ein Leckerli aus der Hand genommen.

Diesmal war es besonders schlimm. Ringo hatte wirklich vor allem Angst, auf einmal auch vor dunklen Klamotten. Mein dicker schwarzer Wintermantel, den kannte er. Wir waren immer damit spazieren wenn es kalt war. Die Strickmütze von meinem Mann, schwarz….hat er ihm ungefähr Millionen mal vom Kopf gezogen…  Angst!!!

Wir haben alle hellere Klamotten angezogen, erst dann wurde es besser. Verschiedene Gestiken die wir machten, reichten schon aus…. es war ein Drama. Wir mussten bei jeder Bewegung, bei jeder Körperhaltung aufpassen damit er nicht gleich wieder Panik bekam. Wir hatten das Gefühl als wären wir ihm alle fremd……

Nach Absprache mit meinem TA haben wir dann versucht  den Tumor mit Cortison zu behandeln. Er bekam ein Langzeitcortison, sehr sehr gering dosiert… Ringo wäre fast daran gestorben. Es ging ihm jeden Tag schlechter. Er hat nur noch geschlafen, hektoliterweise Wasser getrunken und ebenso viel gepieselt. Er hat schwer geatmet und sich fast nicht mehr bewegt.

Mein TA sagt, er hätte sowas noch nie erlebt aber wir mussten damit aufhören. Ringo war aufgeschwemmt und gleichzeitig total dürr weil er nichts gefressen hat. Wir haben also die Dosis wieder langsam ausschleichen lassen. Seit diesem letzten großen Anfall hatte er was in seinem Blick das ich bis heute nicht deuten kann. Ich weiß nur das er sehr große Schmerzen hatte und das sein Kopf ihn kaputt machte.

Langsam baute das Cortison ab aber fit wurde Ringo nicht.

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Die letzten Tage mit Ringo

Samstag, 16.05.2015

Der Tag war recht gut. Ringo hat langsam ein bisschen Kraft zurück bekommen, das Cortison baute ein bisschen ab.

Wir hatten einen schönen Tag, die Nachbarin war mit Ringo`s Freundin Toffie zu Besuch. Ringo hat ein bisschen gespielt, sich dann aber schnell zurück gezogen, in den Schatten gelegt und Toffie zugesehen wie sie Unfug macht. Niemals vorher im Leben hätte er das getan, das Cortison hat ihn echt geschrottet…..

Abends dann, in der Küche…. ich habe Fressen für die Hunde zubereitet und Ringo lag auf seinem Bettchen…. müde, wollte schlafen….. Ich hab umgesehen und da lag er, der Kopf hat gewackelt und habe die volle Panik bekommen. Ich hab das ganze Haus zusammen geschrien…nach meinem Mann und meinem Sohn. Der Kopf wackelte immer noch…. sofort meinen TA angerufen, der war auf einem Kongress uns rief zurück. Er hat versucht mich zu beruhigen, gefragt wie es sich genau darstellt. Meinte es könnte ein epileptischer Anfall sein, wir sollen ruhig bleiben und nichts unternehmen wenn es nicht länger als 5 Minuten dauert….

Wir haben vereinbart das ich am Montag zu ihm komme und er Ringo anschaut.

Das Wackeln hörte auf, wir haben Ringo mit Guttis abgelenkt und er hatte es den ganzen Abend nicht mehr.

Wie oft und ob Ringo das auch in der Nacht hatte weiß ich nicht. Mein Sohn musste auch schlafen und hätte das sicher nicht mitbekommen wenn es gewesen wäre.

Auch der Sonntag verlief bis auf „kurze Wackler“ ruhig. Wir konnten ihn immer mit Essen ablenken und es hörte schnell wieder auf. Ringo hat jeden Tag unglaublich viel geschlafen und er war völlig fertig wegen dem Cortison, obwohl wir die Dosis ganz weit runter gesetzt hatten.

Am Montag hat er zum Glück den ganzen Vormittag geschlafen. Nachmittag waren wir beim TA. Blut abgenommen und Urin. Diagnose evtl. Kopftremor, nicht heilbar, neurologische Störung. Ringos linke Pupille ist immer schon sehr groß gewesen und hat sich bei Lichteinfall nicht verändert. Auch darüber haben wir gesprochen.

Am Abend rief der TA mich an und erzählte mir die „relativen guten“ Blutwerte und die sehr schlechten Urinwerte. Wir wollten den Urin noch mal testen wenn das Cortison ganz aus dem Körper war. Das Granulom war unverändert, das Cortison hatte nichts bewirkt. Wir hätten es so hoch dosieren müssen, das hätte Ringo nicht überlebt.

Wir wollten nun warten bis Ringo sich erholt um dann zu überlegen wie wir das Granulom weiter behandeln, denn es hat ihm ganz bestimmt sehr große Probleme und ich glaube auch Schmerzen bereitet. …. und er hat es nicht verstanden…. Ich glaube heute fest daran, das die Schmerzen in seinem Mund der Auslöser für die „letzte Angstattacke“ war.

…dann kam der Dienstag, 19.05.2015

Ich kam um 6.15 Uhr in die Küche. Mein Sohn saß mit Ringo wie immer schon unten.  Ringo lag da, sah mich an und sein Kopf wackelte.Ich hab gleich wieder versucht ihn mit Guttis da raus zu holen…. Vorerst alles gut.

Wie immer ging ich nach dem Fressen mit Ringo ins Wohnzimmer und er hat sich auf sein Bettchen gelegt und geschlafen. Ich hab ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen. Ich hatte solche Angst, war ganz allein mit ihm…..

Um halb zehn wachte Ringo mit wackelndem Kopf auf. Er hat mich angesehen und ich hab seine Angst gesehen, „Frauchen was habe ich? Was passiert hier? Kannst Du das weg machen?“ Wieder gleich los gerannt und Leberwurst geholt….diesmal ging es nicht so schnell weg….

Ich bin mit ihm raus, habe ihn abgelenkt, geschaut das er wach bleibt. Ich habe ihm wie immer um 13.00 Uhr sein Mittagessen gegeben und dann wollte Ringo schlafen….. er war so müde…. aber sein Kopf hat ihn nicht schlafen lassen.

Er hat mich ständig angesehen mit diesen Augen, die nichts verstanden haben, er ist den ganzen Tag nicht von meiner Seite gewichen, ist mir noch mehr nachgelaufen als sonst. Er hat meine Hilfe gesucht aber ich konnte nicht helfen. Sein Kopf hörte nicht auf zu wackeln und er war so müde, wollte schlafen….der Kopf hat ihn nicht gelassen…. Über 3 Stunden ging das so…. Er ist gegen den Türstock im Wohnzimmer gelaufen, weil sein Kopf so gewackelt hat, dass er keine Orientierung hatte.

Ich habe gewusst dass nun die Zeit gekommen ist um ihm zu helfen, ein letztes mal für immer und ewig, dafür zu sorgen dass er keine Angst mehr haben muß und keine Schmerzen. Ich habe meinen TA angerufen und lange mit ihm gesprochen. Am Boden zerstört und völlig hilflos habe ich mit ihm einen Termin für 18.15 Uhr ausgemacht.

Ringo hätte in die Uniklinik gemusst um dort neurologische Untersuchungen durchzuführen…. Ringo in eine Klinik !!! Nein, niemals. Ringo alleine lassen !!! Alleine mit diesen ganzen fremden Menschen !!! Nein, niemals.

Er hätte das nicht überwunden, nicht verstanden, er hätte sich davon niemals mehr erholt. Nicht unser Ringo. Unser Ringo der sein Zuhause und seine Menschen zum Leben gebraucht hat, in einer Welt die er nicht immer verstanden hat. Es hätte ihn getötet, auf jeden seelisch.

Dazu dann noch die Tatsache, dass ganz viele neurologischen Symptome mit Cortison behandelt werden, oder anderen Medikamenten von denen wir nicht wussten ob er sie vertragen hätte.

Ringo ist  am 19.05.2015 um 18.o5 Uhr in den Armen von mir und meinem Sohn friedlich eingeschlafen.

ringo